Interview mit Tina Jücker
Gitta Martens interviewt Tina Jücker, die ab November 2008 als Gastdozentin die fünfphasige Grundlagenfortbildung in Theaterpädagogik im Fachbereich der Theater leiten wird. Wer Weiteres über Tina Jücker und ihre Arbeit als Schauspielerin und Leiterein des Theater Marabu, Bonn sowie ihre Jugendclubarbeit an ihrem Theater erfahren will, der schaue unter www.theater-marabu.de.
Tina, Du übernimmst im Herbst die Leitung der Grundlagenfortbildung „Von der Improvisation zu Rolle und Szene“. Welche Theatererfahrungen bringst Du in dieses Angebot ein?
Zum einen natürlich das Wissen, das ich mir über die Fortbildungen hier an der Akademie Remscheid, aber auch in Kursen und Workshops anderer Organisationen und Verbände angeeignet habe um mich als Theaterpädagogin aus- und weiterbilden zu lassen.
Dann die Erfahrungen, die ich parallel dazu in meiner theaterpädagogischen Praxis seit 1992 mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mache. In diesen 16 Jahren habe ich jedes Jahr eine Inszenierung mit Jugendlichen erarbeitet, in denen immer die Improvisation der Ausgangspunkt zur Bearbeitung des Themas war.
Nicht zuletzt bin ich als Schauspielerin bei Theater Marabu in jeder Inszenierung gefragt, aus der Improvisation heraus meine jeweilige Rolle zu erarbeiten und sie mit meinen MitspielerInnen ins Spiel zu bringen.An welchen Orten und mit welchen Formen hast Du vor Deiner langjährigen Tätigkeit als Schauspielerin und Leiterin des Theater Marabu und dessen Jugendprojekten Theater gemacht? Hast Du Unterschiede zur Theaterarbeit in den Marabu-Projekten festgestellt?
Über 5 Jahre hinweg habe ich an grenzüberschreitenden Theaterprojekten mit Jugendlichen zwischen 14 und 22 Jahren mitgearbeitet, in denen die Zusammenführung von Menschen aus unterschiedlichsten kulturellen Zusammenhängen und damit die Themen Vorurteile, Ausgrenzung, Rassismus und die Überwindung der Sprachbarrieren eine besonders große Rolle spielten.
Drei Jahre lang waren das Straßentheater und –musikprojekte,die natürlich eine völlig andere Spielweise erfordern als das Spiel im geschlossenen Raum.
Anschließend erarbeiteten wir zwei Collagen für die Bühne. Alles mit einfachsten Mitteln, weil wir auch mit diesen Projekten in unterschiedlichsten Räumen probten und spielten und damit alles transportierbar und variierbar sein musste.
Jedes Theaterprojekt ist geprägt von der Gruppenkonstellation und den räumlichen und zeitlichen Bedingungen, also dem Projektrahmen. Das war damals improvisierter, wilder, im positiven Sinne chaotischer.
Heute haben die Projekte mehr Kontinuität. Wir haben eine künstlerische Form entwickelt, die die Arbeit mit der JungeBühne prägt und: wir haben ein Zuhause, ein Theater, in dem wir proben und aufführen und feiern....
Kontinuität verhilft zu einer Qualitätssteigerung.Du hast auch in verschiedenen Arbeitsfeldern der Sozialarbeit mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Was gewinnen die Kinder und Jugendlichen Deiner Erfahrung nach, wenn sie in diesem Umfeld selber Theater spielen?
Ja, ich habe in sozialen Brennpunkten, an Grundschulen und in Jugendzentren mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet.
Der Gewinn liegt bei diesen Projekten vorwiegend in der Stärkung der eigenen Persönlichkeit und im erlernen sozialer Kompetenzen. Es geht darum das eigene Lebensumfeld aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, Alltagsmuster zu durchbrechen, den Blick für Neues zu öffnen, der Fantasie freien Lauf zu lassen und Lust auf ein kreatives und kooperatives „miteinander spielen“ zu erzeugen.
Seit vier Jahren machen wir jedes Jahr ein spartenübergreifendes Kunstprojekt, in dem sich die TeilnehmerInnen mit verschiedensten künstlerischen Mitteln einem Thema nähern.
Z.B. „Orientierung“ 7 KünstlerInnen aus Orient und Oxident arbeiten mit Grundschulkindern zu ihrem Bild vom Orient.
Im vergangenen Jahr haben wir in unserem Stadtteil generationsübergreifend gearbeitet und uns in Workshops wie Tanz, Radio, Film, Objektkunst, Geschichten von Früher und Heute, Stadtteilrecherche etc. mit dem „Miteinander leben“ auseinandergesetzt.
In diesem Jahr werden wir uns mit dem Klimawandel beschäftigen und die Ergebnisse in Kunstaktionen im öffentlichen Raum münden lassen.
Bei all diesen Arbeiten geht es uns darum, die Welt mit künstlerischen Mitteln zu Verstehen und zu begreifen – und Lust zu haben auf Veränderung!Wie siehst Du das Verhältnis von Prozess und Produkt in der Arbeit mit Laien und benötigen Laien im Unterschied zu Profis auf dem Weg der Erarbeitung besondere Hilfen?
Natürlich haben diejenigen, die das Theaterspiel zur Profession machen, eine Grundlage an Handwerk auf das sie zurückgreifen, wenn sie ihr Stück mit der Regie erarbeiten. Das Produkt ist das Ziel und der Prozess wird so kurz als möglich gehalten, weil alles Zeit und Geld kostet.
In der Arbeit mit Laien ist der Weg das Ziel, egal ob Workshop, Kurs, Schulstunde oder Stückentwicklung.
Es geht immer darum, Vertrauen ins eigene Spiel und in das Zusammenspiel mit den anderen zu bekommen und dabei Hemmungen und Ängste soweit abzubauen, dass die Lust auf das Ausprobieren das Spiel bestimmt und nicht die Versagensangst.
Die Auseinandersetzung mit sich selbst spielt eine viel größere Rolle. Wer bin ich? Wie bin ich? Was kann ich? Etc.
Im Gegensatz zur professionellen Regie, hat die Theaterpädagogik die Verantwortung für das Wohlbefinden eines jeden Einzelnen in der Gruppe.
Es gibt einen Punkt, in dem sich die Arbeit mit Laien und Profis nicht unterscheidet: es erfordert in beiden Arbeitsfeldern ein gewisses Maß an Disziplin, damit die Gruppe an sich funktionieren kann. In der theaterpädagogischen Arbeit hat die Spielleitung die Aufgabe diese Disziplin zu verankern.Was für Qualifikationen muss Deiner Erfahrung nach eine Theaterpädagogin mitbringen, die im informellen Bildungsbereich der Freizeit oder im formellen der Schule arbeitet, was für den Bereich Theaterpädagogik an Theatern?
Das sind Arbeitsfelder mit sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen was Zeit, Gruppenkonstellation und finanzielle Mittel anbetrifft. Diese Komponente erfordern von den TheaterpädagogInnen ein hohes Maß an Flexibilität.
Im Bereich Schule ist ein konzentriertes und intensives Arbeiten mit einer Gruppe oftmals sehr schwierig. Die Pausenklingel bestimmt den Zeitrhythmus, man kommt schwerer aus der Unterrichtsatmosphäre in einen kreativen Prozess, vor allem, wenn die Proben im Unterrichtsraum stattfinden etc.. Hier ist eine Theaterarbeit in Kurzintervallen gefragt, ein Konzept, das einen Ausgleich zum Unterricht ermöglicht und kleine Erfolgserlebnisse bietet, damit man das Gefühl hat, das trotz der Kürze der Zeit ein Vorankommen möglich ist.
Theaterpädagogik am Theater bedeutet zunächst, egal ob Stadt- Landestheater oder freie Szene den Kontakt zu Schulen und Kindergärten aufzubauen, theaterpädagogisches Begleitmaterial zu erstellen sowie Vor- und Nachbereitungen zum jeweiligen Stück durchzuführen. Das bedeutet eine intensive Auseinandersetzung mit dem Stück (Text, Ästhetik, künstlerische Mittel, Bühnenbild etc), und dem Kontext, aus dem heraus es entsteht(Textvorlage oder Improvisation, Autor, Entstehungsdatum und gesellschaftl. Kontext in dem es geschrieben wurde etc.).
Der zweite Arbeitsschwerpunkt ist die Jugendclubarbeit, also das Inszenieren von Stücken mit Kindern und vor allem mit Jugendlichen über eine Spielzeit hinweg.
Der informelle Bildungsbereich ist so vielschichtig und so abhängig vom jeweiligen Arbeitgeber, da gibt es keine allgemeine Tendenz, die ich beschreiben könnte.
Was meiner Meinung nach eine grundlegende Qualifikation aller TheaterpädagogInnen ausmacht, ist das Interesse nicht nur mit Menschen Theater zu machen, sondern auch mit ihnen Theater zu schauen, sie (und sich selbst) mit unterschiedlichsten Formen und Ästhetiken zu konfrontieren und damit das eigene Theaterspiel zu bereichern.Wie wirst Du auf diese Bedarfe der Teilnehmenden in Deinem Angebot einer Grundlagenvermittlung für Spielen, Inszenieren und Leiten eingehen wollen und können?
In dem wir uns im ersten Kursabschnitt die Zeit nehmen, die Arbeitsfelder der TeilnehmerInnen kennen zu lernen. Das macht uns möglich, die weitere Arbeit aus den jeweiligen Blickwinkeln zu betrachten und sie auf die Arbeitsfelder zu übertragen.
Aus dem jeweiligen Kursabschnitt heraus entstehen Praxisaufgaben, die jedeR in seinem Praxisfeld erproben und wiederum im nächsten Kursabschnitt in einer kollegialen Beratung auswerten kann.
Nicht zuletzt stehe ich natürlich auch für Fragen und Gespräche zur Verfügung.




